Ein fachlicher Blick aus Gestalttherapie und NARM

Unser Kontakt mit anderen Menschen verläuft selten ganz glatt oder eindeutig. Eher bewegt er sich wie ein Tanz: mal gehen wir einen Schritt aufeinander zu, mal treten wir wieder zurück. Dieses Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz ist etwas sehr Menschliches – und genau hier setzen sowohl die Gestalttherapie als auch das Neuroaffektive Beziehungsmodell (NARM) an.

In der Gestalttherapie spricht man davon, dass Kontakt an der „Kontaktgrenze“ entsteht – also dort, wo ich auf mein Gegenüber oder meine Umwelt treffe. In einem gesunden Prozess können wir uns einlassen, ohne uns selbst zu verlieren, und uns auch wieder zurückziehen, ohne komplett dichtzumachen. Wenn dieser Rhythmus ins Stocken gerät, zeigen sich typische Muster: Manche Menschen verschmelzen schnell mit anderen, andere halten Abstand oder lenken sich ab, wieder andere richten ihre Impulse eher gegen sich selbst.

NARM bringt noch eine zusätzliche Perspektive ins Spiel: Unsere Art, in Kontakt zu gehen, hat viel mit unseren frühen Beziehungserfahrungen zu tun. Wenn Nähe früher unsicher, überfordernd oder nicht verlässlich war, entwickeln wir Strategien, um damit umzugehen. Vielleicht vermeiden wir dann Nähe, passen uns stark an oder bleiben innerlich auf Distanz. Diese Strategien waren einmal sinnvoll – sie haben uns geholfen. Aber später können sie uns daran hindern, echte, lebendige Beziehungen zu erleben.

Der „Tanz im Kontakt“ ist also kein Zufall, sondern ein Zusammenspiel aus dem, was wir im Moment spüren, und dem, was wir aus unserer Geschichte mitbringen. 
Die Gestalttherapie hilft dabei, dieses Erleben im Hier und Jetzt bewusster wahrzunehmen: Was passiert gerade in mir? Ziehe ich mich zurück oder gehe ich auf jemanden zu? NARM ergänzt das, indem es uns unterstützt, dabei in Kontakt mit uns selbst zu bleiben, ohne uns zu überfordern.

Wichtig ist vor allem die eigene Wahrnehmung: 
*Merke ich, wann ich Nähe suche – und wann ich sie vermeide? 
* Kann ich spüren, was ich wirklich brauche? 
* Und kann ich unterscheiden, ob meine Reaktion zur aktuellen Situation passt oder eher ein „altes Programm“ ist?
Im therapeutischen Kontext entsteht daraus ein Raum, in dem beides Platz hat: Rückzug und Kontakt. Klient*innen dürfen ausprobieren, wie es ist, sich zu zeigen, Grenzen zu setzen und trotzdem verbunden zu bleiben. So kann sich nach und nach ein neuer, freierer Bewegungsraum entwickeln.

Am Ende geht es nicht darum, immer maximal offen oder immer unabhängig zu sein. Sondern darum, beweglich zu bleiben. Den eigenen Rhythmus zu finden zwischen Rückzug und Umarmung – und diesen Tanz bewusster, lebendiger und selbstbestimmter zu gestalten.